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Wahrnehmung der Depression

Fast alle, die zum ersten Mal an einer Depression erkranken, können die Veränderungen, die mit ihnen vorgehen, nicht verstehen. Sie können sie nicht einordnen und fühlen sich stark verunsichert, wenn sie feststellen müssen, dass sie nicht mehr wie früher wahrnehmen und denken können:

  • Sie fühlen sich innerlich leer, und trotzdem rast ihnen ein Chaos von Gedanken durch den Kopf.
  • Sie fühlen sich müde und trotzdem unruhig.
  • Sie stellen plötzlich fest, dass sie Mühe haben, auch nur einem einfachen Gedanken nachzugehen, oder dass sie kaum noch etwas im Gedächtnis behalten können.

Schwer Depressive fürchten deshalb häufig, dass sie "den Verstand verlieren", so stark sind sie durch diese Veränderungen irritiert. Sie leiden unter dem Zwang, denken zu müssen, ohne denken zu können. Ihre Gedanken richten sich immer wieder in die Vergangenheit. Ohne die vergangenen Probleme lösen zu können, verstricken sie sich in Grübeleien, die sie völlig blockieren. Grübelzwang und Denkhemmung verbinden sich zu einem unglücklichen Kreislauf, aus dem sie nicht herauskommen. Diese Ausweglosigkeit löst häufig eine große Angst aus, der ein an einer Depression Erkrankter um so schonungsloser ausgeliefert ist, je wacher und klarer er seinen Zustand beobachtet.

Ein Gefühl des Erdrücktwerdens

Der unter einer Depression leidende Mensch empfindet sich häufig von ihm unerklärlichen Kräften beherrscht und an seinen bisher als normal erlebten Fähigkeiten gehindert. Während in ihm die Gedanken rasend um immer ein und dasselbe kreisen, ist er blockiert. Er lebt in einer "rasenden Blockiertheit" und fühlt sich dabei von der Welt um ihn herum wie abgeschnitten. Dieses Erlebnis stürzt ihn mitunter in eine ohnmächtige Angst, die auch noch zunimmt, je angestrengter er einen Ausweg aus diesem für ihn absolut realen Albtraum sucht.

So erlebt er den Raum um sich herum zunehmend eingeengt und fühlt sich dadurch so bedrückt, dass es auch zu einem veränderten Erlebnis des eigenen Körpers kommt. An einer schweren Depression erkrankte Menschen fühlen sich starr. In Extremfällen scheint der Körper zu bloßer Materie zu werden. Meistens wird das durch die Depression veränderte Körpergefühl auch als "bleierne Müdigkeit in Armen und Beinen" oder als eine "Zentnerlast auf den Schultern" beschrieben.

In innerem Kampf

Depressive können sich mit diesem veränderten Körpererleben und der damit verbundenen Einschränkung ihrer Möglichkeiten nicht abfinden. Sie können ihre Situation meist nicht als Signal für einen tiefgreifenden, Seele und Körper umfassenden Erschöpfungszustand akzeptieren. Ganz im Gegenteil; je pflichtbewusster sie sind, desto mehr kämpfen sie gegen diesen Zustand und damit auch gegen sich selbst an. Besonders Menschen, die es gewohnt sind, sich und alles um sich herum immer "unter Kontrolle" zu haben, kämpfen bis zum Zusammenbruch und können dann immer noch nicht aufgeben. Das Gefühl, versagt zu haben und durch den eigenen, erstarrten Körper am Ausüben der Pflicht gehindert zu werden, wird dann zu einem ausweglosen Problem und schlägt in einen unendlichen, depressiven Schmerz um.

Veränderte Wahrnehmung der Zeit

Verbunden mit dem veränderten Erlebnis des eigenen Körpers und des Raums erleben an einer Depression erkrankte Menschen auch den Fluss der Zeit anders. Die persönliche Zeit verlangsamt sich immer mehr und stockt mitunter ganz. Die eigene innere Uhr scheint stillzustehen, während die Uhren der anderen weiterlaufen: "Ich komme nicht voran", "Ich bin wie gelähmt und bleibe hinter meinen Pflichten zurück", "Ich stehle Zeit". Depressive sind dann von der Zukunft wie abgeschnitten. Während die Zeit stockt, holt die Vergangenheit sie ein. Zurückliegende kleine Fehler häufen sich zu bedrohlichen Bergen, durch die die Wahrnehmung der Gegenwart völlig verändert werden kann.

Der Konflikt mit der Umwelt

Positive Situationen und Sonnenschein hellen dann die Stimmung der Depressiven nicht etwa auf, sondern werfen dunkle Schatten. Sie machen ihm die Situation seiner Krankheit besonders deutlich und konfrontiert mit der Schönheit und Lebendigkeit um ihn herum fühlt er sich dann besonders tot, arm und leer. Geselligkeit führt ihm seine innere Einsamkeit vor Augen. Alles um ihn herum nimmt er als Maßstab für seine Andersartigkeit wahr. Er fühlt sich den Blicken anderer schutzlos ausgesetzt. Während sich sein Selbstwertgefühl verschlechtert, glaubt er von außen beurteilt, abgewertet und angestarrt. Es ist für Depressive kaum möglich, zu erkennen, dass sie sich durch die eigene Selbstkritik immer stärker entwerten, und in schweren Fällen der Depression ist es durchaus möglich, dass wahnhaft gesteigerte Selbstvorwürfe einen letzten Versuch darstellen, wenigstens die Selbstbeurteilung nicht aus der Hand zu geben.

Aber auch in weniger extremen Fällen ist das anderen unterstellte Urteil so bedrohlich, dass sich viel Depressive durch eine selbst auferlegte Isolation schützen müssen. Dabei wird dann auch die Entfernung zu Verwandten und Freunden immer größer. Das ist um so schmerzlicher, weil depressive Menschen in ihrem Innersten geradezu nach Kontakt und liebevoller Zuwendung hungern, sich die Erfüllung dieses Bedürfnisses aber aufgrund ihres Selbstwertverlustes nicht zugestehen können.

 

Typische Gedanken und Gefühle von depressiv erkrankten Menschen

  • völlige Hilflosigkeit
  • Gefühl der Llebenssinnlosigkeit
  • sie verstehen sich selbst nicht mehr
  • leben mit ständiger Angst
  • sie haben keinerlei Energie mehr
  • sie leben wie durch eine Glaswand, "dabei und doch isoliert"
  • sie können sich über nichts freuen
  • Verlust von Gefühlen anderen gegenüber
  • ständige Trauer
  • Verlust des Selbstwertgefühls
  • sie funktionieren nicht mehr
  • sie können nicht weinen
  • Gefühl, zu nichts zu taugen
  • Hoffnungslosigkeit
  • das Denken wird langsamer
  • Verlust der Konzentrationsfähigkeit
  • Gefühl, von keinem geliebt zu werden
  • Gefühl an allem schuld zu sein
  • Gedanken, dass es das Beste wäre, wenn es sie gar nicht gäbe

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